Ein sehr aufregender Tag. Was ich im gestrigen Blog noch nicht geschrieben hatte: In Cashapampa und den ersten ein-/zwei Stunden gab es Stechviecher… Natürlich war ich ein gefundenes Fressen. Zweimal im linken arm, in beide Waden und einmal im rechten Mittelfinger und rechts direkt neben der Uhr. Das Tier neben der Uhr hat es wohl wissen wollen, mein Arm ist am abend noch dick angeschwollen. Die Nacht über habe ich nicht ganz so gut geschlafen, bin immer wieder aufgewacht, weil irgendwas weh tat. Manchmal auch der Arm. Der fühlte sich mittlerweile an, als ob jemand darunter einen Luftballon aufbläst.
 
Um 7 Uhr sind wir aufgestanden, haben zusammengepackt und gefrühstückt. Wir sind nicht ganz so schnell los gekommen, wie geplant war, aber gut. Wie am Vorabend ausgemacht, teilten Lukas und ich uns heute seinen Rucksack und mein Rucksack kam aufs Pferd. Trotz dass ich Lukas Rucksack erstmal noch eine ordentliche Diät verpasst hatte (wer nimmt denn in nem Tagesrucksack Panzertape, Taschenlampe, Leatherman und Taschenmesser mit, wenn man weiß, dass man am selben Tag im hellen ankommt), war der Rucksack noch sehr schwer. Wir hatten uns auf einen stündlichen Wechsel geeinigt. Wer anfängt haben wir geklärt wie echte Männer: schnick-schnack-schnuck. Er durfte die erste Stunde tragen. Als ich dann ohne Rucksack los bin, hat sich das schon sehr komisch angefühlt. Als ich nach einer Stunde dann selber den Rucksack auf dem Rücken hatte, war ich froh, dass ich den nur eine Stunde tragen muss 😉
 
 
 Doch dazu kam es nicht. Mein rechter Arm wurde immer immer dicker. Jetzt war auch meine Hand aufgeblasen, wie ein Latexhandschuh, wenn man ihn als Luftballon nutzt. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich ja gerade unter der hohen Belastung und der maximalen Höhe von 4700m vielleicht einen Allergischen Schock bekommen könnte. Panik machte sich breit. Ich lief zu Antonio und schilderte ihm mein Problem. Er begann meinen Arm zu massieren, meinte aber auch „das sieht gar nicht gut aus“. Ich glaube so eine heftige Reaktion auf einen Insektenstich hatte ich noch nie. Nach der Massage und kurzzeitigen Bad im eiskalten Gletscherfluss, kam eine Gruppe Franzosen an. Ich winkte mit meinem Arm – dick wie ein Zaunpfahl – und fragte ob sie vielleicht ein Anti-Allergikum dabei hätten. Sie verneinten.
 
 
Dann war ich den Tränen schon sehr nah, bzw. ich weinte. „Muss ich mich jetzt wirklich aufs Pferd setzten und zurück nach Cashapampa reiten? Ist das Trekking jetzt echt wegen so nem beschissenen Insektenstich gelaufen?“ Falls mir nämlich irgendetwas passieren sollte, dann gibt es hier nur einen Weg zum nächste Arzt: 5 Std mit dem Pferd nach Cashapampa, dann 45min mit dem Bus/Auto ins nächste Dorf. Bergrettung mit Helikopter oder so gibt’s hier nicht. Scheiße, was mach ich jetzt?
 
Dann kam einer der Franzosen an und meinte er hätte ein Antihystamin (also so eine Art Anti-Allgergikum) dabei, eigentlich sei das, gegen so Pollenallergieen, aber vielleicht hilft es ja bei mir auch. Er gab mir eine Tablette, die ich sofort schluckte. Da meine Wasserflasche etwas weiter weg lag, griff ich zu Antonios Tee und verbrannte mich gleich mal. Halb so wild, die Tablette war unten. Das Problem mit dem weitergehen oder nicht aber deshalb noch nicht gelöst. Gerhard meinte dann, dass er glaube, dass Allergische Schocks eigentlich direkt nach der Intoxikation auftreten und das sei bei mir ja schon ca. 24h her. Das beruhigte mich dann schon, wir legen meinen Arm in eine Schlinge, damit die Hand nicht noch weiter anschwillt. Rucksack tragen war dann also auch nicht mehr möglich, ich nahm meine volle Trinkflasche in die linke Hand, damit Lukas schon mal ein Kilo weniger zu schleppen hatte.
 
Wir zogen also weiter und erreichten dann ein Camp, wo wir eine größere Pause einlegten und etwas aßen. Da mein Rucksack mit Stativ und Co. ja auf dem Pferd festgezurrt war, kam ich da doch nicht so leicht ran, aber es gelang mir zumindest den Fernauslöser rauszufischen und ich habe die Kamera für die Timelapse einfach auf den Boden gelegt. Wir waren da bereits auf 4200m. Bis jetzt habe ich gar keine Probleme mit der dünnen Luft, das einzige was stört ist, dass der Mund durch das Atmen extrem austrocknet, das ist echt unangenehm. Von der her war es gut, dass ich meine Trinkflasche immer in der Hand hatte, ich konnte also kurz dran nippen und mein Mund hat sich für 10 Sekunden wieder normal angefühlt.
 
 
Es ging also weiter den Pass hoch. 4700m war unser Ziel. Von der Kraft her ging das auch, aber die Luft wird immer dünner und man läuft irgendwann so langsam, dass man innerhalb zwei Schritten einmal komplett ganz tief ein und ausgeatmet hat. Zeitlupenwandern. Nebenbei bewegt sich der Puls (bei mir) irgendwo zwischen 185 und Nirvana. Man kämpft um jeden Schritt, geht die kleinsten Stufen hoch, die man finden kann und sucht akribisch die vermeintlich bequemste Route. Wir kämpften alle, außer Antonio natürlich^^ Selbst Antonios Freundin die auch mitlief, hatte Probleme mit der Höhe und setzte sich kurzzeitig aufs Pferd.
Ich machte irgendwann eine kurze Pause zum Luftholen. Lukas blieb bei mir stehen, dann hat Antonio auch auf uns aufgeholt (er hatte vorher mit den Eselstreibern geredet). Und uns motiviert weiter zu gehen, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Ich weiß das hört sich jetzt an wie eine Himalaya Expedition, aber für jemand untrainiertes wie uns, die normalerweise im Flachland irgendwo weit unter der 1000m Grenze wohnen ist das schon ganz schön heftig. Eine ganz neue Grenze, die ich an meinem Körper kennengelernt habe. Ich kannte bisher nur, dass die Beine brennen und alles wehtut. Hier war es eben die Luft die einen ausbremst und das Tempo angibt.
 
Endlich oben angekommen ist es ein tolles aber auch ganz anderes Gefühl, denn nach einer Minute stehen, geht es einem wieder gut, der Puls ist wieder unten und man fühlt sich frisch. Aber wehe man steht wieder auf, dann legt die Pumpe aber wieder los 😉 Dort oben bot sich uns eine super Aussicht. Dazu habe ich vor lauter Drama ja noch gar nichts geschrieben… Ja die Landschaft hier ist der Hammer, man läuft an blauen Gletscherseen vorbei, sieht Schneebedeckte Gipfel weit über der 5000er Grenze, teilweise knapp 6000m hoch, einfach toll. Sehr mächtig alles.
 
 
 
Während wir oben saßen und Pause gemacht haben, es war glücklicherweise dank der Sonne angenehm warm (mit Pulli, Unterhemd und Mütze versteht sich), kamen unsere Esel vorbei. Wir wunderten uns schon, warum sie uns noch nicht überholt hatten. Antonio klärte uns dann auf: Letzte Nacht sind die Esel ausgebüxt und zurück nach Cashapampa gelaufen. Unsere Eseltreiber sind also am Morgen wieder zurück nach Cashapampa, haben dort die Esel aufgetrieben und dann wieder zu unserem Lager der letzten Nacht, Esel bepackt und weiter geht’s. Die Eseltreiber sind also mal schnell an einem Tag unsere erste Etappe rückwärts, vorwärts und noch unsere zweite Etappe gelaufen – ja nee ist klar, krasse Typen – in Sandalen versteht sich.
Dann wurde kurzfristig beschlossen, dass wir doch eine halbe Stunde weiter laufen könnten und dort campen. Mir war es egal, denn jetzt ging es eh nur noch bergab. Nach einer Stunde machten wir noch einmal eine kleine Pause, denn die Zelte sind je eh noch nicht aufgebaut. Dann liefen wir ganz runter zu unseren Zelten und bezogen diese. Beziehen heißt: völlig erschöpft den Rucksack und Seesack zum Zelt schleppen, Isomatte aufpusten und erstmal 10Min auf die Isomatte legen. Dann den Schlafsack auspacken und wieder 10Min hinlegen. Dann den Rucksack rein und wieder 10Min dösen. Dann gibt’s Tee und Snack und später essen.
 
Fazit des Tages: Fast aufgegeben, vom Franzosen gerettet, von Antonio motiviert, aber gesund und munter 🙂

 

Jetzt mach ich Stern-Fotos bis der Mond aufgeht oder das Essen fertig ist.
 
 
Mehr Bilder gibts natürlich auch 🙂
 

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